Ein kleines Glossar zum Thema Schulentwicklung von Detlev Lindau-Bank aus einem Verlagskatalog, der zu bestellen ist beim Beltz Verlag, Postfach 100154, 69441 Weinheim, eMail info@beltz.de, http://www.beltz.de
Schulentwicklung
Im Zentrum der Schulentwicklung steht die Verbesserung der Qualität
von Lehren und Lernen durch die Lehrer, Schüler und Eltern einer Schule.
Schulentwicklung basiert auf der Idee eines grösseren Gestaltungsspielraumes der
Einzelschule (Teilautonomie) und der Rahmensetzung der Administration durch
Rahmenlehrpläne und z.B. Schulprogrammpflicht. Der Motor der Schulentwicklung
ist die Einzelschule, d.h. Lehrer, Eltern- und Schülerschaft initiieren und
erproben planmäßig, ergebnisoffen und systematisch Innovationen und
Veränderungen, um sie nach der Bewertung als hilfreich und nützlich zum Alltag
der Schule werden zu lassen. Ziel ist die gute Schule, die sich den verändernden
gesellschaftlichen Herausforderungen stellt und ihre Schüler angemessen auf die
Zukunft vorbereitet. Schulentwicklung ist die Entwicklung des Unterrichts und
des Curriculums, die Verbesserung des professionellen Handelns und die
Steigerung der
Zufriedenheit des Lehrpersonals (personale Entwicklung), die
Steigerung der Effizienz und Effektivität der Schule als Organisation
(Organisationsentwicklung) sowie die Verbesserung der Beziehungen der Schule zum
Umfeld und zu außerschulischen Partnern (Kooperationsentwicklung).
Schulentwicklungsberatung
Schulentwicklungsberatung ist die
Unterstützung einer Schule durch einen Außenstehenden mit dem Ziel, die
Selbstorganisations- und Selbststeuerungsfähigkeit der Schule als gesamte
Organisation oder Organisationseinheiten der Schule (Fachkonferenzen etc.) zu
unterstützen und zu erhöhen. Schulentwicklungsprozesse stellen Schulen zum einen
vor neue Aufgaben, für deren Bewältigung die Schulen nicht über das notwendige
Know-how und die benötigten Methoden und Instrumente verfügen. Zum anderen
bringen sie manchmal problematische Kommunikationssituationen hervor, die ohne
die Hilfe eines Außenstehenden nicht zu bewältigen
sind. Schulentwicklungsberatung ist nur dann sinnvoll, wenn die Schule ein
Problem mit der Steuerung eines Schulentwicklungsprozesses, dem
Projektmanagement oder der Kommunikation hat. Dabei kann
Schulentwicklungsberatung präventiv eingesetzt werden, indem die Berater die
Mitglieder einer Schule im Gebrauch verschiedener Instrumente und Methoden der
Prozess-Steuerung und Evaluation fortbilden, die Schulleitungsmitglieder coacht
und anderes mehr. Schulentwicklungsberatung kann ebenso kurativ sein, indem
Berater als Konfliktmanager intervenieren oder für die Schule schwierige Phasen
des Prozesses moderieren.
Lernende Schule
Die lernende Schule ist
eine normale Schule, die bestrebt ist, auf die Veränderungen in der
Schülerschaft und Gesellschaft angemessen zu reagieren. Die lernende Schule ist
sich ihrer widersprechenden Funktionen bewusst und legitimiert sie immer wieder
aufs Neue. Ihre Verlässlichkeit besteht darin, dass sie täglich Situationen
schafft, in denen Lehrer und Schüler als Co-Produzenten des Lernen Freude am
Lernen haben. Das Neue an der Lernenden Schule besteht möglicherweise darin, dass
die Lehrerinnen und Lehrer in Teams arbeiten, systematisch, regelmäßig und
professionell ihre Arbeit reflektieren und mehr als bisher eine Kultur der
schriftlichen Kommunikation fördern, die zu größerer Transparenz führen
soll.
Schulprogramm
Das Schulprogramm ist das
schriftlich formulierte Handlungskonzept einer Schule. Im Schulprogramm werden
die von allen getragene pädagogische Grundhaltung (Schulleitbild) und die
konkreten Vorhaben (Arbeitsprogramm) zur Erreichung der schulischen Ziele
genannt und begründet. Ein Schulprogramm ist nur dann lebendig, wenn es auf
einen Prozess gründet, der alle Schulmitglieder beteiligt und deren Vorstellung
einer guten Schule Raum gibt. Das Schulprogramm macht die Schwerpunkte der
Schule deutlich, ist Grundlage für die systematische Bewertung des Erreichten
(Evaluation) und ist nützlich für die Öffentlichkeitsdarstellung der
Schule.
Schulleitbilder
Das Schulleitbild ist die
kurze, prägnante Zusammenfassung und Präsentation der zentralen Werte und
leitenden Ziele, die für alle Schulmitglieder Geltung haben. Das Schulleitbild
läßt sich nur aus dem ermitteln, was die Schule bereits verwirklicht, was ihr
Schulprofil ausmacht. Darum kann keiner Schule ein Leitbild erstellt oder gar
verordnet werden, sie muss es schon selbst erkennen. Das Schulleitbild ist auch
Leitidee und Vision. Wenn die Vision erreichbar erscheint, entsteht ein
produktive Spannung zwischen Realität und Zielvorgabe, die das Leitbild positiv
auf die Schulentwicklung wirken lässt. Das Erarbeiten eines Leitbildes soll
nicht dazu führen, dass die Werte und Normen nur einer Fraktion berücksichtigt
und durchgesetzt werden. Wertevielfalt ist zumindest in einer großen Schule der
Normalfall. Kein Mensch wird seine Grundüberzeugungen ohne Einsicht aufgeben.
Wenn also eine Schule nicht einen Teil des Kollegiums ausschließen will, muss
das Leitbild deutlich machen, dass die Schülerinnen und Schüler in einem
Spannungsverhältnis verschiedener Werte betreut und unterrichtet
werden.
Evaluation
Evaluation in der Schule meint
die Bewertung der Qualität der schulischen Arbeit aufgrund der systematischen
und methodisch abgesicherten Sammlung von Daten und Informationen, deren
kriterienbezogene Auswertung und kommunikative Interpretation mit dem Ziel,
pädagogische und schulische Entscheidungen zu begründen und Rechenschaft
gegenüber allen Schulmitgliedern und der Schulaufsicht abzulegen. Der Aufbau
eines Evaluationssystems in der Schule ist das wesentliche Element der
Schulentwicklung, weil es Ausdruck der Reflexionsfähigkeit einer Schule ist, die
ihren Entwicklungsprozess bewusst und eigenverantwortlich steuert. Evaluation
muß Folgen haben. Evaluation ist nur dann ermutigend und konstruktiv, wenn sie
sich auf Themen und Gegenstände bezieht, die von den Mitgliedern der Schule auch
geändert werden können.
Teamentwicklung
Teamentwicklung meint den
Aufbau und die Unterstützung von Formen und Strukturen der Gruppenarbeit für und
mit Lehrern und Schülern. Vorrangiges Ziel ist es, die Gruppenarbeitsfähigkeit
der einzelnen Mitglieder zu stärken, die Kommunikation offen und vertrauensvoll
zu gestalten und eine Kultur der Rückmeldung zu etablieren. Teamentwicklung kann
nur gelingen, wenn die Gruppen ausreichend Zeit zur Reflexion ihrer Ziele,
Aufgaben, Vorgehensweisen und der gruppeninternen Regeln haben.
Projektmanagement
Projektmanagement in der
Schule ist die Grundlage für die Einführung von Erneuerungen. Veränderungen
können nur in Projekten mit einem überschaubaren Personal- und Ressourceneinsatz
sinnvoll und verantwortungsvoll erprobt und ausgewertet werden.
Projektmanagement meint:
a) Verfahren und Methoden der Projektarbeit und -
durchführung
b) die Organisation und Implementation von Projektstrukturen in
der Schule als Organisation
Insbesondere Letzteres ist für große Schulen
bedeutungsvoll: Mit wachsender Größe einer Organisation steigt der Bedarf an
Arbeitsteilung und damit die Notwendigkeit von Informations- und
Kooperationsstrukturen zur Vergewisserung der Gemeinsamkeiten. Es verlangt von
der Schulleitung die Delegation von Verantwortung und Entscheidungsmacht, die
Bildung von (Steuer-)Gruppen, die die Innovationsvorhaben koordinieren, ein
Evaluationskonzept zur Überprüfung der Qualität der Arbeit entwickeln und
durchführen.
Moderation
Moderation ist ein Konzept zur
Unterstützung von Kommunikations-, Planungs- und Entscheidungsprozessen in
Gruppen, Konferenzen und Organisationen durch einen neutralen, also an den
Interessen und Zielen nicht beteiligten bzw. interessierten Menschen, der sich
verschiedener Methoden bedient, die eine Kommunikationssituation transparent
machen, ordnen, reflektieren oder im Interesse der Zielerreichung
fördern.
Unterrichtsentwicklung
Bei der
Unterrichtsentwicklung handelt es sich normalerweise nicht um einen Neubeginn,
sondern um eine Fortsetzung bzw. Akzentuierung längst vorhandener oder doch
angebahnter Entwicklungen. Ob es dabei um überfachliches Lernen oder um
erweiterte Unterrichtsformen oder um Methodentraining geht, jeder dieser Ansätze
überschreitet die konventionelle Orientierung an einem Fach oder einem Lehrer
und führt mit Konsequenz zu organisatorischen Veränderungen, die institutionell
abgestützt werden müssen - also zur OE (Organisationsentwicklung). Wer den
Unterricht verändern will, muss mehr als den Unterricht verändern. Das kann auf
mehr Kooperation hinauslaufen oder auf mehr Teamarbeit. Unterrichtsveränderung
mag auch Kern des Schulprogramms werden. Auswirkungen auf das Lehrerhandeln sind
unvermeidlich, weshalb vermutlich immer ein Bedarf an Personalentwicklung
entsteht - sei es in Form von Lehrerberatung, Kommunikationstraining oder
Hospitation. (Kempfert/Rolff, Pädagogische Qualitätsentwicklung)
Schulprofil
Das Schulprofil bildet sich
durch die Aktivitäten, die personelle Zusammensetzung und die prägenden
Umfeldbedingungen einer Schule heraus. Das Schulprofil ist das, was die
Schulmitglieder und Außenstehende als das Eigentliche der Schule wahrnehmen
und/oder phantasieren. Manchmal ist die Vorstellung über das Schulprofil von
singulären, besonders beeindruckenden Ereignissen und Personen abhängig. Das
Schulprofil kann man nicht systematisch entwickeln, weil es in den Köpfen der
Betrachter entsteht. Die Arbeit am Schulprogramm kann aber diese Vorstellungen
verändern, so dass das Schulprofil auch das Ergebnis des Schulprogramms sein
kann.
Selbstevaluation
Selbstevaluation ist die
Evaluation, die von den Mitgliedern der Einzelschule selbst geplant,
durchgeführt und verantwortet wird. Sie dient sowohl der internen
Rechenschaftslegung und damit einem verantwortlichen Projektmanagement und der
Darstellung nach außen als auch der Selbstaufklärung und damit der Stärkung der
Selbststeuerungsfähigkeit der Schule und Verbesserung des
Lehrerhandelns.
Schulentwicklung als Organisationsentwicklung
(OE)
OE geht von der Annahme aus, dass alle in der Schule
formulierten Interessen und Ziele anzuerkennen und verhandelbar sind. OE
unterstützt daher die kooperative Entscheidungsfindung vor dem Hintergrund
unterschiedlicher Normen und Werte, die durch die beteiligten Schulmitglieder
repräsentiert werden. Inwieweit zentrale schulische Themen, wie zum Beispiel die
Unterrichtsgestaltung, erweiterte Lehr- und Lernformen oder pädagogische
Leitbilder in den Mittelpunkt einer OE-Maßnahme gestellt werden, hängt von den
beteiligten Schulmitgliedern ab. (Rolff/Buhren/Lindau-Bank/Müller: Manual
Schulentwicklung)
Supervision
Supervision zielt
darauf ab, schwierige bzw. gestörte Interaktionsprozesse im Berufsalltag besser
zu verstehen und zu bewältigen. Sie knüpft an die Erfahrungen und die
Fähigkeiten der Leherer/innen an, stellt ihre Persönlichkeit in den Vordergrund
und ermöglicht eine Umsetzung von theoretischen Modellen in die konkrete Praxis
unter Berücksichtigung von Wertvorstellungen, beruflichen und privaten
Beziehungen, des persönlichen Kommunikationsstils, des eigenen Denken, Fühlens
und Handelns. Der große Schritt aus der Isolation des Klassenzimmers in eine
Supervisionsgruppe ist ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstschutz vor
Ausbrennen und somit ein wichtiger Beitrag zur Psychohyhiene. (Ehninger/Hennig:
Praxis der Lehrersupervision)
Steuergruppe
Die Steuergruppe ist
die eigentliche Innovation und das größte Reizthema in der Diskussion um
Schulentwicklung in den letzten 15 Jahren. Steuergruppen sollen die Aktivitäten
im Rahmen eines Schulentwicklungsprozesses koordinieren und fördern. Sie sollen
die Evaluation planen und durchführen. Dadurch gerät eine Steuergruppe oft in
den Status eines Leitungsgremiums und manchmal auch in Konflikte mit bestehenden
Gremien der Schule. Damit Steuergruppen hilfreich für die Schulentwicklung sind,
sollten die Mitglieder ein großes Spektrum des Kollegiums und der Schulleitung
repräsentieren. Die Steuergruppe selbst sollte nur für einen vom Kollegium
festgelegten Zeitraum mit einem klaren Auftrag eingerichtet werden und durch
eine offene Arbeitsweise und einen ständigen Dialog mit allen Schulmitgliedern
für Transparenz und Akzeptanz sorgen.
Die Steuergruppe ist mehr als ein
Koordinationsgremium, weil sie während des Prozesses Entscheidungen zu treffen
hat und damit Initiativen in der Schule fördern, aber auch hemmen kann. Darum
muss die Steuergruppe den Entscheidungsgremien der Schule rechenschaftspflichtig
sein. Die Steuergruppe steuert, die Schule bestimmt den Kurs.
Fremdevaluation
Fremdevaluation
ist die Bewertung der Schulqualität durch die Schulaufsicht oder durch kritische
Freunde, also Forscher, Berater oder Lehrer anderer Schulen. Die externe
Evaluation ist nützlich, weil sie durch die Außenperspektive neue Einsichten und
Erkenntnisse über die Arbeit in der Schule bewirkt. Fremdevaluation,
insbesondere durch die Schulaufsicht, dient darüber hinaus der
Rechenschaftslegung und dem Vergleich mit anderen Schulen. Externe Evaluationen
können nicht zum Alltag einer Schule gehören, sondern sind in größeren,
regelmäßigen Zeitabständen stattfindende Ereignisse, die einer guten Planung
und klaren Absprache bedürfen, um die Akzeptanz und das Vertrauen der
Schulmitglieder zu finden. Zu den Absprachen gehört die Mitbestimmung über die
Bereiche und Kriterien der Evaluation, die Festlegung der Konsequenzen, die aus
den Ergebnissen gezogen werden sollen sowie die Berücksichtigung der
unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Individualität von Schulen. Die externe
Evaluation soll die Selbststeuerung der Schulen unterstützen und förderliche
Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung schaffen.
HeLP, Pädagogisches Institut Falkenstein, 2000, d.luke@help.hessen.de